ghazali

Wunderbare Welt des Herzens

Die Wunder der Welt des Herzens sind unendlich viele an der Zahl. Auf einem aber beruht des Herzens Adel, das ist vor allem wunderbar, wenn auch die meisten Menschen seiner nicht achten.

Ein Zwiefaches ist es, worauf des Herzens Adel beruht: Das Wissen und die Macht.
Der Adel, der auf dem Wissen beruht, ist wiederum etwas Zwiefaches. Da eine kann jedermann begreifen, aber das andere ist geheimnisvoller als das erste, nicht jedem bekannt und gar seltener Art. Das erste, allen Offenbarte, ist dies, dass das Herz die Kraft der Erkenntnis aller Wissenschaften und Künste besitzt, durch die der Mensch alle Künste versteht und das, was in den Büchern steht, liest und begreift, so wie die Geometrie, die Rechenkunst, die Heilkunde, die Sternkunde und die Rechtswissenschaft. Obgleich das Herz eine Einheit ist, die sich nicht teilen lässt, so haben doch alle diese Wissenschaften in ihm Raum, ja, die ganze Welt ist in ihm nicht mehr als Atom im Meere ist. Mit der Bewegung eines Augenblicks erhebt es sich denkend von der Erde zu den höchsten Himmelshöhen und durchmisst die Welt vom Anfang bis zum Untergang. Gebunden an die Welt des Erdenstaubes misst der Mensch die ganze Himmelssphäre aus, erkennt eines jeden Sternes Maß und nennt durch die Meßkunst die Zahl seiner Ellen. Er lockt mit List den Fisch herauf von des Meeres Grund und den Vogel herab aus dem Reich der Lüfte und macht die stärksten Tiere, das Kamel, den Elefanten und das Pferd sich dienstbar, und alles, was es in der Welt an wunderbaren Wissenschaften gibt, macht er sich zu seinem Gewerbe.
All dies Wissen aber erlangt er auf dem Wege der fünf Sinne. Daher ist es ein äußeres Wissen, und jedermann kennt den Weg dazu.

Wunderbarer aber als alles dies ist jenes Fenster, das im Innern des Herzens nach der übersinnlichen Welt des Himmels geöffnet ist, gleichwie außerhalb des Herzens fünf Türen nach der sinnlichen Welt geöffnet sind. Diese sinnliche Welt heißt die Körperwelt, die übersinnliche die Geisterwelt. Die meisten Menschen kennen nur die mit den Sinnen wahrnehmbare Körperwelt, doch das ist oberflächlich und unbegründet; und als Weg der Erkenntnis kennen sie nur den der Sinne, und auch das ist oberflächlich...

Wenn sich ein Mensch im Wachen selbst kasteit und sein Herz von Zornmut und Begierde und allem schlechten Wesen und allem Bösen dieser Welt reinigt und sich dann an einem einsamen Orte niedersetzt, die Augen schließt, die Sinne stilllegt und sein Herz in Verbindung setzt mit der höheren Welt, indem er im Geiste, nicht mit der Zunge, beständig spricht: "Allah! - Allah!", so lange, bis er das Bewusstsein verliert von sich selbst und der ganzen Welt und von nichts mehr weiß als von Gott, dann öffnet sich ihm, obgleich er wachend ist, jenes Fenster; was andere nur im Schlafen sehen, schaut er im Wachen. Die Geister der Engel erscheinen ihm in herrlichen Gestalten, und er sieht die Propheten und empfängt von ihnen Belehrung und Beistand, und das Reich der Erde und des Himmels wird ihm gezeigt. Wem dieser Weg sich eröffnet hat, der schaut unbeschreibliche und gewaltige Dinge. Wenn der Gesandte Gottes sagt: "Es ward mir die Erde sichtbar, und es wurden mir gezeigt die Länder des Aufgangs und des Untergangs", oder wenn es im Worte Gottes heißt: "Und so zeigten wir Abraham das Reich des Himmels und der Erde" (Sure 6, 75), so ist das in diesem Zustand geschehen. Ja, alles Wissen der Propheten ist auf diesem Wege zu ihnen gekommen, nicht auf dem Weg der Sinne und des lernenden Studiums. Der Anfang dessen aber ist immer der heilige Kampf, wie es im Worte Gottes heißt: "Weihe dich ihm in Weihe", (Sure 6, 75) das heißt: Mache dich von allen Dingen los und ledig, gib dich ihm ganz hin und kümmere dich nicht um die Geschäfte dieser Welt, denn die wird Gott schon selbst zum Rechten lenken.