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Die Kraft der Stille

von Andreas Packhäuser

Verehrte Gäste,

als die Bitte an mich herangetragen wurde, hier in Berlin zusammen mit einem Vertreter des Sufismus, Herrn Alkonavi, über die Kraft der Stille zu sprechen,
kam mir ein einschneidendes Erlebnis wieder ins Gedächtnis, das im Rückblick Ausschlag gebend für meinen spirituellen Lebensweg war.

Ich bin mir des Risikos bewusst, über etwas zu sprechen, welches mit Worten eigentlich nur angedeutet, aber nur schwer wirklich vermittelt werden kann.
Auch besteht immer die Gefahr des Missverstehens.

Viele von Ihnen kennen sicher noch die Aufbruchstimmung, die die Jugend in der westlichen Welt in den 60er und 70er Jahren erfasste.

Es war ein Suchen nach dem Unbekannten, Fernen. Es war eine Mischung aus Abenteuer und der Suche nach religiöser Erfüllung, die die junge Generation vor allem in Indien zu finden hoffte.

Ich war damals auch von dieser Welle erfasst und spielte mit dem Gedanken, zumindest für einige Monate nach Indien zu gehen, denn ein Freund von mir lebte schon länger in Auroville. Aber vorerst war ich in Griechenland und in der Türkei unterwegs und erreichte im August 1971 Ephesus.

Dieser Name hatte sich durch meine christliche Erziehung tief in mein Bewusstsein eingeprägt.

Ich weiß nicht mehr, woher ich die Idee hatte oder von wem ich die Information bekam,
bei gleißender Mittagshitze auf einen unbedeutenden Hügel zu steigen,
der sich südlich von Ephesus befindet. Einer Legende nach hatte dort die Mutter Jesu
bis zu ihrem Tod mit einigen anderen Christen gelebt.

Mit dem Marienkult konnte ich nichts anfangen, aber irgendwie zog es mich auf diesen Hügel, obwohl es auf der Ausgrabungsstätte in Ephesus wahrlich Interessanteres zu besichtigen gab.

Auf dem Hügel befanden sich tatsächlich freigelegte Fundamente und eine kleine Kapelle, die auf den alten Fundamenten wieder errichtet worden war.

Ich war allein.

An einer Mauer entsprang eine kleine Quelle, aus der klares Wasser floss.

Als ich davon trank, war es mir, als hätte ich noch nie zuvor solch ein klares und reines und belebendes Wasser getrunken. Vielleicht lag es auch nur an der Hitze.

Ich setzte mich auf die Mauer und dachte über die Menschen nach, die hier vor fast 2000 Jahren gelebt haben müssen, denn es waren weit und breit keine weiteren Spuren menschlicher Siedlungen zu sehen.

Ich versuchte, mich in die Zeit von damals zu versetzen.

In dem Moment erfasste mich eine Stille, die ich in dieser Intensität noch nie erlebt hatte. Es war nicht nur eine akustische Stille, sondern diese Stille erfasste den ganzen Körper. Sie war wie zum Tasten, zum Anfassen. Sie war zu spüren, so wie es ist, wenn man gegen den Wind läuft und ihn spürt, aber ganz unbewegt, still.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange das dauerte.Jedenfalls entwickelte sich in mir - vom Herzen her - eine vorher nicht gekannte innere Glaubenssicherheit, eine innere absolute Gewissheit, dass mit dem Christentum, zumindest mit dem Urchristentum, ein Mysterium verbunden ist, das scheinbar der heutigen Menschheit nicht mehr bekannt war.

Die Menschen, die sich hier vor 2000 Jahren aufhielten, hatten atmosphärisch etwas hinterlassen, das auf mich wie ein Rufen wirkte.

In dem Moment wurde in mir der Wunsch geboren, dieses Mysterium zu suchen.

Oder war es ein Auftrag?

Jedenfalls war mir auch sofort bewusst: Ich muss in Europa suchen. Hier ist der Kulturkreis, zu dem ich gehöre. In den anderen Kulturkreisen ist das gleiche Mysterium für die dortigen Menschen zu finden.

Denn das stand für mich ebenfalls fest: Dieses Mysterium ist universell.
Es gilt der ganzen Menschheit. Es steht über allen Religionen und ist älter als alle Religionen. Es ist eine spirituelle Ebene, auf der alle irdischen Missverständnisse
aufhören zu bestehen.

Dies alles erlebte ich bei vollem Bewusstsein, und ich hatte dabei keineswegs das Empfinden, etwas Besonderes zu sein. Auch entsprachen die gewonnenen Erkenntnisse ganz bestimmt nicht meinen Erwartungen.

Ganz im Gegenteil. Das Thema Indien war nun leider erledigt,
und mit dem herkömmlichen Christentum hatte ich eigentlich abgeschlossen.

Jahre später erfuhr ich, dass dieser Ort seit Jahrhunderten auch von den Sufis verehrt wurde, und dass seit Generationen jedes Jahr im August die Frauen der umliegenden Dörfer auf diesem Hügel des Todestages der Maria gedachten - lange bevor man die Ruinen freilegte.

Aber die Geschichte geht noch weiter.

Ein dreiviertel Jahr später lernte ich meine jetzige Frau kennen, und im folgenden Sommer verbrachten wir unsere Semesterferien auf Kreta. Über Kleinasien reisten wir nach Deutschland zurück. Ich wollte ihr unbedingt Ephesus zeigen
und natürlich auch mit ihr auf den Hügel steigen.

Es befanden sich nur wenige Menschen da, aber es herrschte ein atmosphärisches Chaos.

Die Zweige der Bäume waren weiß von kleinen Zetteln, beschrieben mit persönlichen Wünschen. Überall hingen Marienbilder. Von all dem ging eine unsägliche Unruhe aus.

Die Quelle war versiegt.

Ich stand wirklich unter Schock. Von Stille keine Spur mehr! Das Erlebnis von vor wenigen Monaten war nicht wiederholbar.

Die spirituelle Atmosphäre hatte sich zurückgezogen, denn nach ihr hatte anscheinend niemand mehr gesucht. Nur das eigene Wohlergehen und das persönliche Glück für sich, die Familie und die nahe stehenden Freunde und Verwandten hatten sich jetzt hier als Ziel aller Wünsche manifestiert.

Für mich war dieses Erlebnis äußerst schmerzlich, aber auch sehr heilsam, wurde mir doch bewusst: Dem Mysterium des Urchristentums kann man sich nicht willkürlich nähern.

Und auch das war überdeutlich: Dieses Mysterium lässt sich nicht für unsere egoistischen, irdischen Ziele instrumentalisieren.

Aber wie geht es dann, und was ist die Voraussetzung dafür?

So wurde, dank dieses Schocks, mein Bewusstsein geschärft. Meine innere Gewissheit und der Glauben konnten dadurch jedoch in keiner Weise erschüttert werden.

Es brauchte noch vier weitere Jahre des intensiven Suchens, Prüfens, Verwerfens und Weitersuchens, ehe wir vor den Toren dieses Mysteriums standen. Der innere Kompass im Herzen war letztendlich immer der Prüfstein, an dem die gefundenen Lehren gemessen wurden. Dies waren aber Prozesse, die uns erst viel später bewusst wurden.

Diese persönliche Schilderung soll aber nicht den Eindruck erwecken, das Aufsuchen heiliger Stätten sei die Voraussetzung für spirituellen Fortschritt. In meinem Fall war das aber anscheinend nötig.

Inzwischen weiß ich: Es ist nicht notwendig, zu heiligen Orten zu pilgern,
denn den heiligsten aller Orte besitzt jeder Mensch in seinem Innersten.

Er korrespondiert mit seinem Herzen. Es ist ein geistiges Prinzip, ein geistiger Kern -
wir Rosenkreuzer nennen ihn "die Rose des Herzens" oder auch "das Geistfunkenatom" - in dem, wie in einem Samen, die mehrdimensionalen Anlagen
für die Wiedergeburt des göttlichen Menschen verborgen sind. Der persische Sufi al-Ghazali beschreibt es so: Die Menschen besitzen in ihrer Brust ein "feinstoffliches Herz," das in der Welt der Engel beheimatet ist. Dieses Organ ist in der grobstofflichen Welt im Asyl und weist den Menschen den Weg ins Paradies zurück.

Durch diesen geistigen Kern ist die wahre Religion, lateinisch "Re-ligio", die Rückverbindung mit Gott, erst möglich. "Das Königreich Gottes ist Euch näher als Hände und Füße, es ist in Euch!" So heißt es in den Evangelien.

Vor diesem inneren Geistkern muss der irdische, sterbliche Mensch still werden.

In allen heiligen Schriften wird den Kandidaten die Stille, das Stillsein gelehrt.
In den alten Mysterien klingt es: "Meine Seele ist stille vor Gott - Von ihm ist mein Heil."
Und weiter wird in den Mysterien gesagt: "Eifert danach, dass ihr still seid."
Durch das Stillwerden beginnt im Kandidaten ein innerer alchimischer Prozess,
der durch die stärker werdende Strahlungskraft des Geistfunkens allmählich alle Äther-Atome in ihm neu polarisiert, so dass dadurch eine neue Beseelung entsteht.

Diese neue, quasi wiedergeborene Seele ist in der Lage, den Geist zu empfangen.
Unsere sterbliche Seele dagegen kann diese hohe Vibration, dieses Geistfeuer weder aufrufen noch ertragen.

Diese Prozesse vollziehen sich in dem Tempo, wie der irdische Mensch seine Ichbezogenheit überwindet und sich einer anderen Kraft öffnet, die über die Rose des Herzens in sein System einströmt. Das geschieht durch Selbstübergabe an den sich innerlich entwickelnden unsterblichen Menschen.

Das ist ein langsamer Prozess, der mit tiefer Selbsterkenntnis einher geht und bei dem Stufe für Stufe etwas von der Naturbeseelung zurückgelassen wird. Er vollzieht sich im Menschen nur in der Stille und durch die Stille.

Um diesen Prozess im Geistfunken des Menschen wieder zu erwecken, bedurfte es zu allen Zeiten einer Gemeinschaft von Menschen, die in der Lage war, ein besonderes magnetisches Vibrationsfeld zu erzeugen und zu erhalten.

Es muss ein Feld sein, welches nicht aus den Kräften dieser Welt stammt. Solch ein Feld bildet sich, wenn die innere Sehnsucht nach dem Göttlichen immer mehr nur noch von der neuen Seele und der Geistseele ausgeht. Wenn also ich-zentrale Gedanken, Gefühle und Wünsche aus den zur Gruppe gehörenden Menschen verschwunden sind. Wenn die Teilnehmer dem Stoffkörper, dem Ätherkörper, dem Astralkörper und dem Denken nach still geworden sind.

Diesen Prozess nannten die Gnostiker den "Mystischen Tod."

In diesem Lichtfeld können sich die inneren Prozesse im Kandidaten entwickeln und er erkennt ganz unpersönlich, was für ihn als nächster Schritt auf dem Pfad anliegt.

Dieses Entsteigen ist also nur möglich, wenn das Verlangen des Herzens stark und rein genug ist, wenn das Haupt von eigensüchtigen Motiven und Ambitionen gesäubert ist, das wachsende Denkvermögen befreit ist vom niederen Verstand
und der Verstand unter die Leitung der geistigen Vernunft gestellt wurde.

Durch diese Transmutation innerhalb der Persönlichkeit wird es dem Kandidaten möglich, Seelenwachstum zu erfahren und zu einer wahrlich lebenden Seele zu werden. Und erst wenn die neue Seele lebt, kann der Pfad der Einweihung in die Mysterien wahrhaft beginnen.

Nachdem der Kandidat so den Pfad gefunden und betreten hat, hört er zuerst den tonlosen Ton, die Stimme seines Meisters.

Der Meister ist der innereigene Gott, der Geist in seiner Ansicht als Liebe und Weisheit, den die alten Gnostiker Christos nannten.

Dieser Meister muss zum Schüler sprechen. Ohne dass diese Stimme vernommen wird, kann kein anderer Helfer oder Lehrer auch nur irgendetwas für ihn tun. Der Christos ist also der sich einsenkende Geist, der sich durch die Seele mit dem naturgeborenen Menschen verbindet. Dieser ewig Vollkommene wendet sich also nicht an das Ich, sondern an die Seele.

Denn die Seele wird faktisch von zwei Welten, von zwei Lebensfeldern angezogen.
Sie muss als Mittler auftreten.

An der einen Seite befindet sich die Wirklichkeit der niederen, sterblichen Welt,
die in "Die Stimme der Stille", einem der ältesten Bücher der Menschheit, zutreffend "die Halle der Schmerzen" genannt wird. Hier wird alles getan, um den Menschen in Illusion und Wahn der vergänglichen Dinge dieser Welt zu verstricken.

An der anderen Seite der Seele befindet sich die Lebensordnung des Geistes.
Die Seele drückt sich also vorübergehend in zwei Welten aus. Dieser Zustand kann jedoch nicht von Dauer sein, das würde den Menschen innerlich zerreißen.

Zu einem gegebenen Zeitpunkt muss die Seele sich entscheiden. Sie muss eine definitive Entscheidung treffen, welche dieser beiden Welten in Zukunft ihre Heimat sein soll. Auch die Persönlichkeit hat damit zu entscheiden über ihren Lebensschwerpunkt, denn sie ist ja das Ausdruckmittel der Seele während ihrer Inkarnation.

Es gibt nämlich zwei elektromagnetische Felder in diesem irdischen Kosmos,
die beide ihr Zentrum im Herzen der Erde haben: in zentrales magnetisches Feld der sterblichen Natur mit dem Diesseits und seiner feinstofflichen Spiegelung und ein zentrales magnetisches Feld der heiligen Erde.

Die Seele muss also lernen, zwischen diesen beiden Feldern zu jedem Zeitpunkt die rechte Wahl zu treffen.

Und nun sagt die Stimme des Christos zur Seele des Kandidaten oder der Kandidatin, welche am Beginn ihres Pfades stehen: (und wir können es im Buch "Die Stimme der Stille" nachlesen.)"Lass deine Seele nicht mitgeschleppt werden
von all den wechselnden Stimmungen des naturgeborenen Wesens.

Stehe über Freude und Trauer. Tritt nicht ein in die Freuden des Augenblicks,
noch in die Schmerzen des Augenblicks. Lass dich nicht mitreißen von all den Bewegtheiten der Zeit, denn wie könntest du dann von der Ewigkeit sein."

Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit für das Wohl und Wehe der Mitmenschen - denn welche Seele, die aus Liebe und Weisheit lebt, könnte jemals gleichgültig sein?

Die Seele muss aber von jeder Bewegtheit durch die Gegensätze frei werden, sowohl von den Freuden als auch von der Betrübnis.

Sie muss sich stets mehr auf die erhabene Verbindung mit dem inneren Christos richten, wissend, dass sie so, als Träger des Lichtes, am besten helfen kann.

In diesem Seinszustand wächst der Kandidat zu einem wirklichen Menschheitsdiener heran.

Aus seinem Wesen ist sämtliche Kritik verschwunden. Er nimmt nur objektiv wahr.
Das betrifft seine persönlichen Unzulänglichkeiten als auch die seiner Mitmenschen.
Er verurteilt nicht, denn er versteht, warum ein Mensch aus seinem Seinszustand so handeln muss, wie er handelt.

Er trägt alles, er duldet alles, er neutralisiert alles, er reinigt alles.

Das Licht seiner Augen strahlt in Liebe über alle und alles,denn er sieht in den Menschen den göttlichen Keim, auch wenn dieser noch so sehr durch Unwissenheit eingekapselt und schlafend tot ist.

Auf dieser Ebene sind für ihn alle Menschen Brüder und Schwestern.

Indem er nicht mehr auf die ihn und alle Menschen beeinflussenden Impulse auf der mentalen, astralen und ätherischen Ebene reagiert, ja, nicht mehr reagieren kann, steht er wie ein Fels in der Brandung - vollkommen still und doch von höchster Dynamik erfüllt.

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Es ist also möglich, einen Punkt zu erreichen, da nichts mehr die innere Ruhe erschüttern kann, wo jener Friede erlangt und erlebt wird, der über alles Verstehen hinausgeht.

Dann nämlich, wenn das Bewusstsein seinen Mittelpunkt in der Geistseele hat, die der Friede selbst ist. Dort wird die Harmonie erkannt und erfüllt, und das Gleichgewicht regiert, weil sich das Lebenszentrum nunmehr im Geist befindet, der im innersten Kern die Stille ist.

Dort herrscht ungestörte und unerschütterliche Ruhe, denn der um Gott Wissende ist der Regent.Er gestattet dem niederen Selbst keine Störung. Dort wird eine Seligkeit erlangt, die nicht aus den Gebieten der sterblichen Natur entspringt, sondern aus dem innerlichsten Gewahrwerden des Seins herrührt.

Dieses Sein besteht weiter, wenn Zeit und Raum und alles, was darin enthalten ist, nicht mehr existieren. Es wird dann erkennbar, wenn alle Illusionen der niederen Ebenen erlebt, verwandelt und überwunden wurden. Es besteht weiter, wenn die kleine Welt der menschlichen Mühen zerstoben, dahingegangen und als nichtig erkannt ist.

Diese innere Haltung und diese spirituelle Erfahrung wird all denen zuteil,
die unbeirrt an ihrem hohen Streben festhalten; die alles als zweitrangig ansehen, außer der Erreichung des einen Zieles.

Der Kandidat oder die Kandidatin hält die Augen unverwandt auf das Ziel gerichtet,
die Ohren offen, um die Stimme des Gottes in sich zu hören, die vernehmlich in der Stille des eigenen Herzens spricht; den Fuß fest auf dem Pfad, der zum Tor der Einweihung führt, die Hände ausgestreckt, um der Welt zu helfen; das ganze Leben dem Ruf zum Dienen geweiht.

Alles, was da kommen mag, wird dann zum Besten gedeihen: Krankheit, Glückszufälle, Erfolg, Enttäuschung, üble Nachrede, nicht verstanden werden von denen, die man liebt - all das wird zum Nutzen gereichen, wenn der Kandidat darin den Sinn erkennt, schneller zur Überwindung zu gelangen und zum Höheren verwandelt zu werden.

Fortdauer unseres Strebens, Aufrechterhaltung des Kontaktes mit dem Inneren -
dies ist weitaus wichtiger, als all das andere.

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Zum Schluss möchte ich noch einmal auf das eingangs geschilderte Erlebnis
auf dem Hügel südlich von Ephesus zurückkommen.

Man könnte es oberflächlich vielleicht als mystisches Erlebnis bezeichnen.
Aber es war viel mehr als das: nämlich die Botschaft der Stimme der Stille,
diesem Leben einen Sinn zu geben und einen inneren, spirituellen Weg zu betreten,
der zu einer fundamentalen Veränderung führt.

Es war so etwas wie eine geschenkte Vorausschau in einen Zustand,
der nun durch das Leben selbst, entgegen aller Widerstände
tatsächlich erworben und bewiesen werden muss.

Für einen Rosenkreuzer im Lectorium Rosicrucianum steht dieser innere Auftrag zentral im Leben:

Die Überwindung der sterblichen, ichzentralen Natur, die Überwindung des Gebundenseins an die Materie, an das Hin- und Hergeworfensein im Getöse der polaren Gegensätze dieser Welt, und der tatsächliche Eintritt in ein ganz anderes Lebensfeld, in dem die Stille keine Vision mehr ist, sondern ein allumfassender Lebenszustand der bewusst gewordenen Geistseele.

Ein Leben in dieser Ausrichtung besteht keineswegs in äußerlicher Weltflucht,
sondern es ist ein Leben, das aus einer anderen Beseelung "mitten hindurch" geht,
in der Welt, aber nicht mehr von der Welt, im Dienst der Menschen, die nach diesem anderen Leben verlangen.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.
Die Kraft der Stille - Vortrag Stiftung Rosenkreuz - Andreas Packhäuser - Stand 7.10.2008 Seite 1 von 1 Artikel lesen

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Die Kraft der Stille

von Hamdi Alkonavi

Verehrte Gäste,

"Wahrlich, durch das Gedenken an Gott werden die Herzen stille" (Koran, 13/28). Der Weg zur Wahrheit durch Stille, Klarheit und Nüchternheit geht auf den Begründer des Naqschibandi Sufi-Ordens Baha Udin Naqschibandi, zurück.

Dieser sagte: " Gott ist Stille und kann am besten in der Stille erfahren werden." Gott ist die absolute Wahrheit, sagen die Sufis, und in der Stille werden wir ganz von seiner Gegenwart erfüllt. Der Gott der Wahrheit vereint alle Menschen und Religionen, die durch die Stille im Herzen ihr wahres Wesen gefunden haben. Die Wahrheit erlangt man nur, wenn man selbst zur Wahrheit wird. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sind die Grundvorrausetzungen um die Wirklichkeit verstehen zu können. Doch dazu brauchen wir den wahren Glauben, der kein blinder Glaube ist. Wissen, glauben und verstehen müssen zur Glaubensgewissheit werden, so dass wir nur das glauben, was wir wirklich wissen, erkennen und verstehen können.

Glauben kann man einem anderen Menschen nicht geben. Der Glaube, der im Menschen entsteht und sich in ihm aktiv entwickelt, ergibt sich nicht aus automatischem Lernen, d.h. er ergibt sich nicht aus einer positivistischen naturwissenschaftlichen Feststellung von Höhe, Breite, Dicke, Form oder Gewicht eines Gegenstandes. Und Glaubensgewissheit ergibt sich nicht aus der Wahrnehmung mit dem Gesicht, dem Gehör, dem Gefühl, Geruch, und dem Geschmack, d.h. nicht aus den äußeren Sinnen. Glaube ist vielmehr das Ergebnis des Verstehens! Wissen ist wertlos, wenn es nicht mit erlebter Erfahrung und der Weisheit einer tief gefühlten Lebensweisheit verbunden wurde.

Die Weisheit erhalten wir nur durch Stille und Zurückgezogenheit in uns selbst. Nur hieraus ergibt sich das Verständnis der wesenhaft erlebten Erfahrung. Das Verständnis ergibt sich aus der Gesamtheit der absichtlich erworbenen Informationen, durch Stille und Reflektion.

Trotz unseres sehnlichsten Verlangens ist es deshalb unmöglich, mit einem anderen das eigene innere Verständnis zu teilen, wenn dieser die Kunst des Zuhörens noch nicht gelernt hat. Diese Kunst erlernen wir durch die Stille in uns und das Ruhen im eigenen Herzen.

Das, was bei einer Mitteilung wahrgenommen wird, ist abhängig sowohl vom Verständnis, wie auch von der Qualität der Stille, die sich im Sprechenden gebildet hat. Die Qualität der Kenntnisse richtet sich also nach der Authentizität der Mitteilungen, die durch die Offenbarung der Stille in unserem Herzen erreicht wird. Je wahrhaftiger wir unser Leben gestalten, desto besser werden wir Verständnis für uns selbst und andere entwickeln.
Stille ist die Voraussetzung wirkliches Wissen zu erreichen.

Wissen heißt, sich selbst zu kennen. Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn, heißt es im Koran. Wenn wir fragen, wer war ich vor 10, 20, 30 oder 100 Jahren, und wer werde ich in 10, 20, 30 oder 100 Jahren sein.... kommen wir zur Antwort, dass ich schon immer ein Nichts im Sein Gottes war und ein Nichts sein werde. Jedoch gibt es gleichzeitig ein Ich, das nicht Ich ist, sondern ein anderer, ewiger, unvergleichlich Hoher. Dieser andere, das bin ICH wirklich! Und die Befreiung ist es, das wahre Wesen in uns zu erkennen.

Die Vorstufe wahren Wissens ist es, nichts wissen zu wollen. Wir müssen alles verlieren, z.B. unseren Verstand, Wohlstand, Ansehen und Rang, um das andere ICH in uns erfahren zu können. "Werde ein Nichts im Angesicht Gottes, dann wirst du dich selbst in seinem Selbst finden," sagt Fariddudin Attar.

Die Reise zurück zu Gott beginnt dann, wenn er in das Herz seines Dieners schaut, und das Herz ganz mit göttlicher Ruhe und Stille erfüllt ist. Dies ist der Augenblick von tauba (Reue), dem Wenden des Herzens. In einem einzigen Augenblick verändert sich die innere Ausrichtung des Menschen. Ein Tor ins Jenseits öffnet sich, durch das uns ein flüchtiger Blick auf das tiefste Verlangen der Seele ermöglicht wird. Dies ist der Augenblick der Stille.

Ist dieses Verlangen einmal erweckt, bleibt uns eine süße und zugleich schreckliche Sehnsucht nach dem, was wir gesehen und geschmeckt haben. Die Reue ist der erste Schritt auf dem Weg geistiger Armut. Es ist die Umkehr in die ursprüngliche Negativität, die Erkenntnis aller Nichtigkeit angesichts der Majestät der absoluten Herrschaft und Allmacht des Göttlichen. Gott spricht im Koran: "Ich habe dich zuvor geschaffen, als du ein Nichts warst."

Maulana Rumi sagt dazu: "Oh Wanderer auf dem Weg der Wahrheit! Sei froh, wenn du Kummer und Sorgen hast! Sie sind wie eine List, die der Geliebte dir bereitet hat um dich zu einem Treffpunkt hinzulocken. Denn wenn Kummer und Sorgen ihn bedrücken, erinnert sich der Mensch an sein wahres Selbst. Kummer und Sorgen sind ein Schatz! Deine Krankheiten und Schwierigkeiten, alles was dich befällt ist ein großer Schatz! Kummer und Sorgen sind wie ein gesegneter Wind, der auf den Spiegel des Herzens bläst um ihn von Staub zu befreien; keineswegs sind sie ein übler, zerstörerischer Sturm. Auf dem Weg der Liebe zur Wahrheit erinnert sich keiner an sein wahres Ich, außer denjenigen, die sich selbst gedemütigt und getadelt haben. Dem Kummer und den Sorgen sei´s tausendfach gedankt!

Die Grausamkeit des göttlichen Geliebten in Dir, ist nur ein Zeichen der Treue zu dir selbst, keine Grausamkeit. Wer den Geliebten der Grausamkeit bezichtigt, ist kein wahrhaftig treu Liebender."

Der Sufi, Jazi al-Bistami sagt: "Oh mein Herr, nimm mein Selbst zwischen Dir und mir hinweg, so dass mein Selbst sich in dir verliert und ich nichts werde! Denn wenn ich mit dir bin, bin ich mit allem. Und doch, wenn ich mit allem bin, bin ich nicht mit dir! Dies ist mein größtes Hindernis und meine größte Unzulänglichkeit auf dem Weg zum anderen in mir." Und Junus Emre beschreibt in exzellenter Weise die gleiche Wahrheit mit den Versen: "Wissen heißt, Wissen zu wissen! Wissen heißt sich selbst zu kennen. Wenn du dich nicht einmal selbst kennst, wozu lernst du dann anderes Wissen?"

Imam Al-Gazali, einer der größten Gelehrten des Islam, berichtet von seinen eigenen Erfahrungen wie folgt: "Ich war vollkommen beschäftigt mit den positiven, verstandesmäßigen und religiösen Wissenschaften und hatte eine große Zahl von Schülern. Eines Tages dachte ich über meine Situation und meinen Zustand nach. Als ich meine Absicht bei der Suche nach Wissen betrachtete, musste ich feststellen, dass sie nicht vollkommen rein, sondern mit dem Wunsch nach gesellschaftlichem Ansehen und Ruhm vermischt war. Ich gelangte zu der Gewissheit, dass ich mich auf einem Weg befand, der unweigerlich geradewegs zum spirituellen Untergang führte. So sah ich mich direkt am Rande eines Abgrundes stehen. Ich sagte zu mir selbst: Du musst schnell handeln, denn dir bleibt nicht mehr viel Zeit bis zu deinem Tod. All das Wissen, das Du angesammelt hast, ist nutzlos, wenn es nicht in die Tat umgesetzt wird. Wenn du dich nicht von deinen unnötigen Fesseln befreist und die Hindernisse aus deinem Weg räumst. Wie soll dann dein Weg aussehen? Mein spiritueller Zustand änderte sich. Auf meiner Flucht vor der Welt und ihren Leuten blieb ich sechs Monate lang tief im Tal stiller Verwunderung. Zwischen dem Verlangen nach dieser Welt und dem Wunsch nach dem Jenseits. Mein Herz war voller Verzweiflung. Ich erkannte meine eigene Ohnmacht. Ich wurde Zeuge des völligen Zusammenbruchs meines eigenen Willens. Alles Verlangen nach Ansehen und Wohlstand war aus meinem Herzen getilgt."

Der Prophet Mohammed sagte: "Sterbet bevor ihr gestorben seid, damit ihr in diesem Leben wiedergeboren werdet."

Alle großen Mystiker, Weisen und Poeten mussten durch den Tod im Leben gehen, um zu ihrer wahren Größe gelangen zu können. Angelius Silesius sagt: "Wer nicht stirbt bevor er stirbt, der verdirbt wenn er stirbt." Es heißt, Allah liebt die zerbrochenen Herzen. Verlasse die Liebe zu inneren und äußeren Welten, sonst wirst du niemals selbstgenügsam. Um dich selbst zu erkennen brauchst du hundert Leben. Aber um IHN, den anderen in DIR zu erkennen, brauchst du IHN und nicht die Anhänglichkeit an dein falsches Ich. Er ist es, der dich zu dir selber führt. Deine äußere Persönlichkeit tut es nicht. Die Tür deines Herzens kann nur von innen geöffnet werden. Er, der andere, ist dein wahres ICH. Er ist wie ein Spiegel; wer sich in ihm sieht, sieht den Zustand seines Selbst. Ihr seht IHN in euch! Und er sieht sich in EUCH! Das ist das Geheimnis und die Erkenntnis der Einheit allen Seins.

Wenn ihr begreift, dass ihr sein Schatten seid, werdet ihr für Leben oder Tod ganz unempfindlich. Denn wer sein Leben zu Licht werden lässt, ist von sich selbst erlöst. Löscht euer Leben also aus, dann werdet ihr IHN in euch selbst finden und euer wahres Leben erlangen.

Der Prophet sagte: "Ein Herz, das von Licht erfüllt wird, öffnet und weitet sich." "Woran erkennt man dies?" fragten seine Gefährten. Er antwortete: "Am Verzicht auf diese vergängliche Welt, am Streben des Herzen nach der ewigen Welt des Jenseits, und an der Vorbereitung auf den Tod bevor er naht."

Der Spiegel unseres Herzens geht weit über die Dimension des Materiellen hinaus, man kann darin die Geheimnisse verborgener, innerer Welten entdecken. Dieser Spiegel reflektiert wie ein See, der still geworden ist, nicht das äußere, sondern das innere, jenseitige Licht der geistigen Welt. In dem es keine äußeren Formen mehr gibt, außer der Widerspiegelung des göttlichen Lichtes. Wenn du zur Essenz gelangen willst, zerbrich die äußere Schale!

Junus Emre sagt: "Die Scharia (das göttliche Gesetzt) und die Tarikat (der spirituelle Weg) sind Wege für aufrichtig Suchende. Doch die Wahrheit reiner Gotteserkenntnis (Gnosis) ist jenseits davon und nur für den wahren eingeweihten Gnostiker erfahrbar. Wer das Geheimnis ihrer Einheit erkennt, sinkt ein in ihre Unermesslichkeit."

Maulana Rumi sagt: "Das Wasser des Meeres trägt einen toten Körper, der sich vollkommen hingegeben hat auf seine Schultern. Wie kann ein Lebender, so lange er noch den kleinsten Vorbehalt hat, aus den Händen des Meeres gerettet werden? Wenn du dich von selbstsüchtigen Wünschen befreist, indem du der spirituellen Regel, "stirb bevor du stirbst," Folge leistest, wird das Meer der Geheimnisse dich auf seinen Schultern tragen."

Um zur reinen Form der Gottesverehrung vorzudringen, müssen wir vom Hauch des Duftes der Gärten der Erkenntnis in der Tiefe unseres Herzens gekostet haben. Der Schlüssel zum Tor des Herzens ist wiederum nur die Stille und das Schweigen.

Hierzu eine Geschichte:

Es war spät in der Nacht. Sultan Ibrahim ibn Aadhan war auf seinem Thron eingeschlafen. Plötzlich gab es auf dem Dach seines Palastes ein gewaltiges Gepolter und Getöse. Als der Krach immer lauter wurde, schreckte der Sultan schließlich auf und lief augenblicklich hoch auf das Dach. Oben angekommen schrie er: "Wer ist da? Was macht ihr mitten in der Nacht auf meinem Dach?" Eine Stimme aus dem Dunkeln antwortete ihm: "Wir suchen nach unserem entlaufenen Kamel!" "Ihr Idioten! Wie könnt ihr so dumm sein, auf dem Dach nach einem Kamel zu suchen?"....Es kam die Antwort: "Oh Ibrahim ibn Aadhan! Du weißt wohl, dass es sinnlos ist, auf dem Dach nach einem entlaufenen Kamel zu suchen; aber weißt du nicht, dass es genauso sinnlos ist, nach deinem göttlichen Geliebten im eigenen Herzen zu suchen, während du in seidenen Gewändern, mit einer Krone auf dem Kopf und einer Peitsche in der Hand auf dem Thron sitzt ?" Dieser Vorfall wurde zum Anlass dafür, dass die Stimme im Herzen immer deutlicher zu ihm sprach und er den Ruf seiner Seele nicht mehr durch äußeren Pomp und das Getöse im Sultans-Palast überschreien konnte. Um diesen Ruf zu hören, müssen sich unsere äußeren Sinne nach innen richten. Vom Sinnlichen zum Übersinnlichen! In dir liegt das Königreich Gottes, sagt Jesus Christus.

Der Sultan geriet dadurch in einen Zustand von innerer Ruhelosigkeit, sein Herz wurde aus dem Schlaf der Achtlosigkeit gerissen. Er betrat das Tal tiefster Verwunderung, das wir nur betreten können, wenn die äußeren Sinne schweigen und still werden. Doch der Sultan war nicht in der Lage sein bisheriges Leben völlig aufzugeben. Während eines Jagdausfluges erreichte ihn ein zweites Mal die Stimme seines Herzens. Durch die Intuition fand er zum wahren Willen und wurde zum Herrscher über sich selbst.

Diese Jagdbegebenheit geschah folgendermaßen:

Eines Tages hatte sich Ibrahim ibn Aadhan zur Jagd aufgemacht. Er verfolgte eine Gazelle und hatte sich dabei ganz von seinen Begleitern entfernt. Sein Pferd war schon ganz in Blut und Schweiß gebadet, doch Ibrahim ibn Aadhan war so vom Jagdfieber und dem Wunsch, die Gazelle zu erlegen gepackt, dass er dem keinerlei Beachtung schenkte. Als er schließlich die Gazelle in die Enge getrieben hatte, so dass sie ihm nicht mehr entkommen konnte, sprach dieses edle und liebenswerte Tier ihn auf einmal in der spirituellen Herzenssprache an:

" Oh, Ibrahim! Dies ist nicht das, wozu du erschaffen wurdest! Hatte der göttliche Geliebte dich aus dem Nichts erschaffen damit du mich jagen sollst? Selbst wenn du mich erlegst, was wird es dir denn nützen? Was wirst du davon haben? Außer, dass du einem Leben ein Ende gemacht hast."

Als Ibrahim ibn Aadhan diese Worte aus der Tiefe seines Herzens hörte, sprach sein Herz weiter: "Nicht mit dem äußeren Ohr soll ein Pilger auf dem Weg zur Wahrheit hören, sondern nur mit dem inneren Ohr! Um so der Sprache des Herzens in aller Stille lauschen zu können. Denn alle Dinge sprechen in der Sprache ihres Zustandes, auch diese Gazelle."

Als Ibrahim ibn Aadhan diese Worte vernommen hatte, entbrannte in seinem Herzen eine solche Glut, dass er auf der Stelle von seinem Pferd stürzte. Er rannte in die Wildnis hinaus; nach einer Weile erreichte er eine gewaltige Wüste. Als er sich umschaute, war, so weit sein Auge reichte, niemand zu sehen. Schließlich entdeckte er einen Schafhirten. Sogleich lief er auf ihn zu und sagte: " Nimm all diesen Schmuck und meine königlichen Kleider, meine Waffen und mein Pferd, und gib mir deinen wollenen Umhang, den du trägst. Und sprich mit niemandem ein Wort darüber!" Unter dem erstaunten Blick des Hirten zog er dessen Umhang an und verschwand aus dessen Sichtweite. Der Hirte murmelte hinter ihm her ... "unser Sultan muss wohl verrückt geworden sein!"

Doch in Wirklichkeit war der Sultan ein von der Welt des Scheins Verrückter. Er wurde zum Gnostiker, der alle inneren und äußeren Welten erkannte. Denn er war von sich selbst vollkommen leer geworden und ruhte in der Stille seines Herzens. Er hatte das Gewand äußeren Reichtums gegen das Gewand innerer Armut eingetauscht und wurde dadurch zum Sultan beider Welten. Durch die Einsamkeit und die Stille der Wüste wurde er zum Seelenführer, weil er sein wahres Selbst in der Stille seines Herzens erkannt hatte.

Alle wahren Führer und Propheten der Menschheit mussten sich in den Rückzug der Stille begeben um zu reifen. So zog unser geliebter Prophet Mohammed wie Moses und Jesus für 40 Tage in die Stille um die Offenbarung Gottes zu erhalten. Rumi sagte: " Die Leute der Gotterkenntnis (Gnostiker) gleichen Wegführern. Sie helfen denen, die auf Reisen sind. Doch die, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, erkennen weder den Wert derartiger Führer, noch können sie von deren Diensten profitieren. Ebenso heilt ein Doktor Krankheiten. Nur die Kranken wissen ihn zu schätzen. Denn wie soll ein geistig toter Mensch begreifen, welchen Nutzen ein Herzens-Doktor ihm bringen kann?"

Das Leben vergeht, während wir unsere Zeit damit verbringen, unsere Hoffnungen auf die Zukunft zu richten, und doch ist unsere Gegenwart voller weltlicher Anstrengungen, Auseinandersetzungen und Prüfungen.Nimm deinen Verstand zusammen und begreife, dass dein Leben nur aus diesem Tag besteht, den du gerade erlebst! Denke darüber nach, mit wie viel nutzlosem Zeitvertreib du heute deinen Tag erfüllst! Dieses kurze, aber wertvolle Leben nimmt schnell ein Ende, während Du noch dabei bist, dein Portemonnaie mit Geld und deinen Bauch mit Essen voll zu stopfen. Der Tod nimmt uns von einem Augenblick zum anderen weg aus dieser Welt. Kann unser Verstand das Ehrfurchtheischende dieser Furcht erregenden Situation überhaupt begreifen? Der Tod steht wartend auf unserem Weg, während wir in herrschaftlicher Pose ziellos umher wandern. Der Tod ist zwischen unseren Augenbrauen, viel näher als wir je begreifen können. Doch wo ist der Verstand? Der in Achtlosigkeit versunkene? Ich kann es nicht verstehen! Die Wahrheit ist nicht nur eine Sache des Verstandes, sondern eine Sache des Herzens. Der Liebestod ist es, der die innere Wahrheit hervorbringt.

Die Meditation des Herzens ist eine Übung, die den Verstand und die Emotionen im Ozean der Liebe ertränken. In dieser Meditation, so wie Irina Tweedie sie beschreibt, stellen wir uns 3 Dinge vor:

1. Wir müssen uns vorstellen, dass wir tief in uns hineingehen, tiefer und
tiefer, in unser verborgenstes Inneres. Dort, in unserem aller innersten Wesen, im Kern unseres Seins selbst, werden wir einen Ort finden, wo Friede ist und Stille, vor allem aber Liebe. Gott ist Liebe, sagen die Sufis: Die Menschen sind alle Liebe, denn sie sind nach seinem Bilde geschaffen. Nur sie haben es schon lange vergessen. Wenn wir einen anderen Menschen lieben, und mag es noch so stark, noch so tief sein, gibt es trotzdem einen Ort in unserem Herzen, zu dem dieser geliebte Mensch keinen Zugang hat. Dort sind wir ganz alleine. Aber in uns allen wohnt eine Sehnsucht. Der unumstößliche Beweis dafür, dass dieser Ort IHM allein vorbehalten ist.

2. Haben wir diesen Ort gefunden, müssen wir uns vorstellen, dass wir dort sitzen, dort drinnen versunken sind, eingehüllt in die Liebe Gottes. Wir befinden uns im tiefsten Frieden. Wir werden geliebt und beschützt, wir sind sicher. Alles von uns ist darin. Der physische Körper, alles. Nichts bleibt draußen, nicht eine Fingerspitze, nicht das kleinste Haar. Unser ganzes Wesen ist in der Liebe Gottes aufgenommen.

3. Während wir nun, glücklich und still, in seiner Gegenwart sitzen, werden Gedanken uns durch den Kopf zu gehen beginnen - was wir gestern getan haben, was wir morgen erledigen müssen - es werden Erinnerungen kommen und Bilder vor unserem geistigen Auge auftauchen. Wir müssen uns dann vorstellen, dass wir jeden dieser Gedanken, jedes Bild, jede Emotion nehmen und in dem Gefühl der Liebe ertränken, alles darin auflösen. Dies ist durchaus möglich. Denn wir sind trunken vom Wein ewiger Liebe.Wenn man das also gut macht, d.h. mit äußerster Sammlung, werden die Gedanken und all die Dinge, die uns durch den Kopf gehen, verschwinden. Nichts wird bleiben, als der ewige Geist der Leere und der Stille in unserem Herzen. Indem wir trunken sind von dem Gefühl der ewigen Liebe, werden wir innerlich leer von unserem äußeren Verstand. Wir schaffen einen inneren Raum, wo wir uns der Gegenwart des Geliebten bewusst werden. Er ist immer da. Ewiglich. Doch sind der Verstand und die Emotionen und die äußere Welt nur Schleier, die uns vom ewigen Geliebten trennen. Er ist stille Leere und um IHN erfahren zu können, müssen wir still werden. Geh, und kehre sie aus, die Stätte deines Herzens, bereite sie dem Geliebten als Bleibe und Zuhause. Wenn du hinausgehst, wirst ER hinein kommen. Und bist du einmal vom Ich befreit, wird ER dir seine Schönheit offenbaren.

4. Die größte Offenbarung ist die Stille, und die größte Ekstase der Trunkenheit ist die Nüchternheit. Deswegen ist unser Weg des Schweigens und der Stille ein Weg, der uns über alle Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche hinaus heben kann. Jenseits aller Dogmen und äußeren Religionen.

Maulana Rumi erzählt uns die Geschichte vom Freunde Gottes:

Es klopft einer an des Freundes (Herzens-) Tor.
"Wer bist du?" sprach der Freund "Wer steht hier vor dem Tor?"
Er, der vor dem Tor stand, sagte: "Ich."
Von innen sprach es:
"So heb dich fort. Wenn du so sprichst! Ist hier der Rohen Ort?
Den Rohen kocht des Feuers Trennungsleid. Das ist´s was ihn von Heuchelei befreit!"
Der Arme ging ein Jahr von ihm zu scheiden.
Und glühte hell im Schmerz den Freund zu meiden.
Da ward er endlich reif.
Nun kam er von der Reise, dass wieder er des Freundes Haus umkreise.
Er klopft ans Tor mit hunderterlei Acht.
Dass ihm entschlüpfe kein Wörtlein unbedacht.
Da rief sein Freund: "Wer steht denn vor dem Tor?"
Er sprach "Geliebter, DU bist es, DU stehst davor!"
Da sprach´s von innen " Nun, da DU ICH bist, so komm, oh ICH herein!"
Zwei Ich schließt dieses enge Haus nicht ein!"

Hamdi Alkonavi, Berlin

Gemälde: Tina Juretzek