Begegnung mit dem Licht
22.02.2012 von Sandra Antesevic
Gemälde von Tina Juretzek
Auf einer Steinbank, neben dem Brunnen, sitzend oder schwebend, befindet
sich ein Lichtwesen, vielleicht ein Engel, und beobachtet die Menschen,
die vorbeigehen. Sein Blick bleibt an einer jungen Frau haften, die sich
auf die Bank ihm gegenüber setzt, auf der anderen Seite des
Brunnens. Die Frau atmet tief ein und schließt die Augen im Wunsch
nach Erholung. Bald öffnet sie die Augen wieder und beobachtet
ebenfalls die Passanten.
Menschen verschiedener Rassen und Charaktere gehen auf der Promenade
spazieren. Der Blick der Frau verweilt auf dem Wasserstrahl, der in der
Luft zersprüht.
Und im Bruchteil einer Sekunde, zwischen zwei Tropfen, fängt der
Engel ihren Blick, ihre Gedanken und Gefühle auf.
Was für eine Welt, welches Theater ...
Was ist der Sinn all dessen?
Der Sinn all dessen, was ich sehe, fühle, denke, tue?
Ich bin müde.
Aber wer bin ich? …
Wer bin ich? ...
Vielleicht sind das ungewöhnliche Gedanken für eine junge
Frau, aber das Wesen, das sie beobachtet, weiß, dass die Form, in
welcher die Menschen leben, der Spitze eines Eisberges gleicht.
Sie ist nur der Schatten des Lichtkerns, der Menschen und Engeln
gemeinsam ist. Das Lichtwesen sieht mehr als die Form, sieht tiefer.
Im Hintergrund hebt der mächtige Klang einer Glocke an.
Der Blick der Frau wird von einem feierlich gekleideten Paar, Braut und
Bräutigam, die sich am Brunnen fotografieren lassen, angezogen.
Sie beobachtet das einige Augenblicke und empfindet die Ur-Sehnsucht in
den beiden, die sich nun auf den Partner richtet.
Was für ein Geheimnis, die Beziehung zwischen zwei Wesen. Oder ist
es doch nur eine Verbindung zweier Bildnisse, zweier Schatten?
Ist es möglich, eine reale und tiefere Beziehung zu verwirklichen?
Wie viel tiefer? Eine Verbindung des Lichtes mit dem Licht? – Sind es
dann nicht mehr zwei, sondern nur noch eines – ohne Namen und Bildnis?
Die Aufmerksamkeit der Frau kehrt zurück zu ihr selbst, und die
Frage taucht erneut auf:
Wer bin ich?
Warum fühle ich mich anders? Ein Teil von mir beobachtet immer nur,
und auf eine seltsame Weise fühle ich gleichzeitig
Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu all dem, was ich
sehe.
Die Glocken läuten noch immer im Hintergrund.
Es scheint ihr, dass sie dies schon sehr lange tun.
Wer bin ich? ...
Die Frage allein scheint den Blick zu klären, als ob sich etwas von
innen nach außen ausbreitete und dabei alle Grenzen auflöste,
so etwas wie Licht.
Und die Frau merkt, wie aus ihrem Körper und Verstand die
Müdigkeit schwindet.
Vielleicht ist dies hier ein besonderer Ort, der Geburtsort der Ode an
die Freude? Ein Ort, der die Stimmung am Ende eines Herbsttages hat.
Oder ist es die Nähe von etwas Zeitlosem, Universellem und
Allgegenwärtigem?
Der Blick der Frau verschränkt sich mit dem des Engels, der sich
jetzt zu ihrer rechten befindet. Und aus dem Herzen steigt, wie das
Wasser aus dem Springbrunnen vor ihr, ein Lächeln auf, steigt auf
bis zu den Lippen und strömt aus den Augen, in einem zeitlosen
Moment Licht mit Licht verbindend, Inneres mit Äußerem, Himmel
mit der Erde, für alle Ewigkeit.
Das Läuten der Glocken im Hintergrund verstummt, die Frau schaut
auf die Uhr – als ob es von Bedeutung wäre, in welcher Position die
Zeiger sich befänden – und steht von der Bank auf. Es ist, als
hätte sich nichts geändert, als sei nichts Wesentliches
geschehen. Auch der Ort scheint so zu sein wie zuvor.
Er hütet das Geheimnis, dass alles schon neu ist, obwohl es noch
alt aussieht.
Während sie langsamen Schrittes die Treppe hinuntergeht und dabei
in die Richtung der untergehenden Sonne blickt, begleitet sie der Blick
des Lichtwesens, des Engels, der sieht und das Geheimnis kennt. Das
Geheimnis der wahren Begegnung, der wahren Freude und tiefsten
Verbundenheit.