Hans Eckart und Anna Peters

Das Ich-Paradox
Bericht über die Veranstaltung der Stiftung Rosenkreuz am 3. März 2010 in Berlin

Wir haben an dieser Veranstaltung teilgenommen und eine Menge Notizen gemacht. Beide Sprecher sprachen ohne Manuskript, es war keine leichte Kost und erforderte hohe Konzentration. Dennoch war es sehr lebendig und auch humorvoll. Die Besucher waren hellwach, präsent, obwohl der Mittwoch ein Arbeitstag war. Mehr als 200 Menschen waren gekommen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Vortrag Prof. Dr. Swassjan

"Das Ich-Paradox. Zu was sage ich ich, wenn ich zu mir "ich" sage?"

Prof. Dr. Swassjan begann mit der Bemerkung, dass das Ich einem schwarzen Loch gleiche. Wir meinen, das Ich zu kennen. Doch wenn wir es näher untersuchen wollen, entzieht es sich uns. Wir können nur das Ausmaß unseres Unwissens über das Ich herausarbeiten, wir können unser Nichtwissen präzisieren.

Meist zeigt man mit dem Zeigefinger auf seinen Körper und sagt "ich". Wo im Körper sitzt aber das Ich? Und: Wie weit reicht der Körper? Ist die Haut seine Grenze? Sie ist porös. Unsere Nase besitzt Nasenlöcher. 18 Mal in der Minute atmen wir durchschnittlich ein. Ist es dann das Nicht-Ich, das wir einatmen?
Wenn man den Körper für sich nimmt, ist er ein stehender Leichnam. Er wird von Lebenskräften beseelt. Sobald sie ihn verlassen, ist er nicht mehr lebensfähig und zerfällt.
Wenn wir schlafen, gibt es kein Ich mehr. Unser Bewusstsein ist dann verschwunden. Die Worte "ich schlafe" sind ein Paradox. Das Ich kann nicht schlafen. Eher müsste man sagen: "Es schläft mich", "ich werde geschlafen". Ebenso wenig kann man, wenn man präzise sein will, sagen: "Ich träume". Denn das Träumen geschieht nicht bewusst.
Gleichermaßen ungenau sind die Worte: "Ich verdaue". Die Verdauung findet unabhängig von unserem Bewusstsein statt. Um präzise zu sein, müsste man formulieren: "Ich überantworte das, was ich gegessen habe, den Prozessen der Verdauung." Diese Prozesse vollziehen sich von selbst, unabhängig davon, ob ich ihren Ablauf kenne oder nicht.
Der Organismus kann in seinem Funktionieren ein Gefühl von Glück erzeugen. Das Bewusstsein, für sich genommen, hat eher eine Tendenz zum Unglücklichsein. Es ist unfertig.

Wenn das Ich nicht Teil des Körpers ist, ist es dann Teil des Seelischen? Man unterteilt das Seelische in der Regel in die Prozesse des Wollens, Fühlens und Denkens. Bin ich Herr meines Willens? Weiß ich, was ich wirklich will?
Der Wille entsteht in mir meist unabhängig von meinem Bewusstsein. Ich nehme den Willensimpuls auf und bringe ihn zum Ausdruck. Wir haben die Tendenz, das zu verschleiern. Wir tun so, als wären wir Herr über den Willen, als wäre er Teil unseres Bewusstseins.

Wie ist es bei den Gefühlen? Echte Gefühle sind spontan. Sie treten plötzlich hervor, sie sind nicht vom Bewusstsein gemacht. In dem Film Amadeus (und Salieri) hält Mozart im Beisein des Fürsten um die Hand seiner Frau an, was die schockierte Mutter der Zukünftigen zu dem Ausruf veranlasste: "Durchlaucht, erlauben Sie bitte, dass ich in Ohnmacht falle." Eine Ohnmacht kann nicht vom Bewusstsein produziert werden. Das Ich kann Gefühle begleiten und versuchen, sie zu kontrollieren, aber es erzeugt sie nicht.
Wir nähern uns nun der "Entbindung" des Ich: Es wird durch das Denken geboren. Das Denken ist Teil des Bewusstseins. Richtiges Denken gibt es nur im Ich, durch das Ich, als Ich. Man könnte anstelle der Worte "ich denke" auch die Worte sagen: "ich iche". Das bedeutet: Ein Ich bildet sich heran als Ich. Das Denken selbst ist ebenfalls ein objektives Weltprodukt, so wie die anderen Tätigkeiten des Organismus. Aber es dient der Entfaltung des Ich.

Die anderen Prozesse, die sich ohne mein Bewusstsein an mir vollziehen – dazu gehört auch das Heranwachsen im Kindesalter - sind Ausdruck einer Weltkraft, die in gleicher Weise im Pflanzenreich wirkt. Auch die Schwerkraft ist eine solche Funktion des Universums, ferner das Atmen. Ich kann diese Weltprozesse begleiten mit meinem Bewusstsein, mit meinen Sinnesorganen und meinem Denken.
An dieser Stelle angelangt, fragen wir erneut: Wo ist das Ich? Das Ich gibt es nicht rund um die Uhr. Es existiert nur so lange, wie es aktiv hervorgebracht wird. Es ist unmöglich, das Ich an einem Ort zu finden. Es liegt gleichsam im Dunkeln.
Was geschieht beispielsweise, wenn jemand vor dem Spiegel steht? Das Ich steht dann vor dem Spiegel und der Körper zeigt sein Abbild darin. Das Original steht also davor. Wenn wir dieses Bild auf die Beziehung von Ich und Körper anwenden, müssen wir sagen: Der Körper ist der Spiegel. Wir bilden uns jedoch ein, dass das Ich sich gleichsam im Spiegel befindet. Wir haben die Tendenz, es in den Körper hinein zu usurpieren. In Wirklichkeit spiegelt es sich nur darin.

Rudolf Steiner hat dies in einem Vortrag 1911 in Bologna ausgeführt. Wenn man behauptet – wie es üblicherweise geschieht -, dass die Gedanken vom Gehirn produziert werden, dann müsste man auch sagen, dass die Milch vom Milchkrug produziert wird.
Die Gedanken gelangen in uns hinein ebenso wie die Milch in den Milchkrug. Durch äußere Sinneswahrnehmungen, durch den Austausch mit der Welt entstehen Gedanken und durch die Gedanken bildet sich das Ich. Eine Vielzahl von Ichen entsteht so in Bezug auf dieselbe Person. Sie hinterlassen ihre Spuren in ihr und werden zu Erfahrungen. Dadurch bildet sich auch eine Vielzahl von Irrtümern, wie die oben genannten.

Uns ist die Mitwirkung an einer geistigen Ich-Werdung aufgegeben. Eine Solidität des Ich tritt ein, wenn es an Bedeutendem entsteht, an der Wechselwirkung von uns und geistigen Inhalten. So haben wir stets eine Wahl zu treffen, bei Büchern, persönlichen Begegnungen und anderem. Das Leben wird zu einer Wahl.

Vortrag Dr. Gunter Friedrich

Der Vortrag von Dr. Gunter Friedrich behandelte das Thema der Identitäten.
Er berichtete von 16 Erfahrungen seines Freundes Karl.

Die erste Erfahrung betraf die Bombenabwürfe im Krieg.
Sie riefen Angst hervor und die Empfindung, dass mit der Existenz etwas nicht stimmt.

In der zweiten Erfahrung, während der Grundschulzeit, stieg in Karl die Frage auf:
"Was soll ich hier eigentlich? Warum gibt es mich?" Hilfe stellte sich ein aus seinem Innern: "Du kannst gut sein."

Als 17jähriger schrieb Karl philosophische Gedanken auf:
"Wer bin ich? Ich erkenne immer nur etwas von mir. Wie kann ich den erkennen, der fragt?"
Er versuchte, in den dunklen Raum des Innern einzudringen. Ein Anflug von Wahnsinn berührte ihn.

In der vierten Erfahrung, nach einem Kinogang, war Karl für einen Moment aus seinem Körper ausgetreten und sah sich von oben.
Er erkannte: "Ich bin mehr als mein Körper."

Erfahrung fünf fand in einer Vorlesung des Philosophen Ernst Bloch statt.
"Ich bin, aber ich habe mich nicht, deshalb werden wir erst" waren Sätze von Ernst Bloch.
Karl erlebte: Ich bin noch nicht bei mir. Ich träume noch. Wie kann ich erwachen?

Erfahrung Nr. 6 wurde ausgelöst, als Karl seiner Freundin Emma einen Heiratsantrag machte.
Etwas klang mit, das er nicht kannte. "Welche Wesenheiten verbinden sich hier miteinander?"

Die siebte Erfahrung kam zustande, als er in das Berufsleben eingetreten war. Der bürgerliche Beruf führte ihn in die Krise.
Er erkannte, dass er einen spirituellen Weg gehen muss.

Erfahrung acht kam nach einigen Jahren des Berufslebens.
"Was tue ich hier eigentlich? Wir werden gelebt, sind in einem Käfig. Sind wir selbst dieser Käfig?"

Die neunte Erfahrung hatte Karl beim Lesen eines Buches von Jean Paul Sartre.
Der Held erlebt, wie ein Baum mit ihm kommuniziert.
Karl hatte dasselbe Erlebnis gehabt. "Die Bäume erwarten etwas von mir. Warten sie auf ein anderes Menschsein?"

Erfahrung zehn fand bei einer Wanderung mit Emma in den Bergen statt. Karl erlebte eine Art Rückschau.
"Sind wir schon einmal zusammen durch den Wald gegangen, in einer anderen Existenz?"

Eine ähnliche Erfahrung hatte er einige Jahre später.
Er arbeitete in einer spirituellen Gemeinschaft mit anderen zusammen und geriet in eine Krise.
Erneut zeigte sich eine Rückschau. "Hat das alles schon einmal stattgefunden? Wir haben eine neue Chance."

Erfahrung zwölf fand auf einer Radtour mit Emma statt. Es hatte eine Auseinandersetzung gegeben.
Ihm trat etwas vor Augen, etwas, das unbewegt geblieben war in Emma. "Wir sind in der Tiefe jemand anderes".

Die 13. Erfahrung, im Urlaub, am Meer:
"Die Natur, die Menschen erwecken mein Inneres. Alles Menschsein ist in mir, alles Natursein."
"Es kann alles in mir zum Vorschein kommen, auch die Verheißung."

In der 14. Erfahrung erlebte er etwas von der Zeit.
"Wer inszeniert mich? Wer drängt mich in die Existenz und gibt mir meine Rollen?"
"Der Regisseur ist in mir. Die Inhalte sind in mir. Ich spiele die Rollen. Wie oft sind sie schon gespielt worden?"
Karl erkannte: Es gibt ein ganz anderes Menschsein.

Bei der Erfahrung 15 erlebt sich Karl als Teil eines "unsichtbaren Körpers". "Dieser Körper gleicht einem unbegrenzten Raum.
Menschen sind darin seelisch eins geworden." "Ein einziger Gedanke – frei vom Ego - kann den Raum erfüllen."

Erfahrung 16: "Es gibt eine einzige Identität. In ihr gehören wir alle zusammen.
Der Schöpfer, der geistige Ursprung, ist in den Menschen."
"Freiheit von der eigenen Gestalt, von der Vergangenheit, die immer wieder inszeniert wird, Freiheit vom Ich der Geschichte."
"Man kann frei sein von der abgetrennten Identität."
"Man kann es zulassen, man kann daran mitwirken, dass der innere Schöpfer einen neu erschafft."

Am Schluss

wurden Fragen gestellt. Hier zeigte sich ein gutes Zusammenwirken der beiden Referenten.
Eine gelungene Veranstaltung. Die Besucher haben etwas mitgenommen.